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autonomes Fahren

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Beim Autonomen Fahren sind die Fahrschulen gefordert. Sie sollten aktiv dazu beitragen, dass die Diskussionen auf dem Boden der Tatsachen geführt werden. Schließlich liegen in der Technologie große Chancen. Aber auch das Risiko, dass der Nachwuchs meint, der Fahrlehrer-Beruf könnte aussterben.
 
 
„Ich bin der festen Überzeugung, dass meine Kinder keinen Führerschein mehr brauchen“, diktierte VW-Digitalchef Johann Jungwirth Mitte des Jahres in die Notizblöcke der versammelten Presse. Der 43-jährige Manager wechselte im Vorjahr von Apple zu Volkswagen. Voller Begeisterung über die neue Technologie ließ er alle Hemmungen und jede Logik fahren. Mag sein, dass er als VW-Mitarbeiter wusste, wie gerne dort positive Töne über neue Technologien gehört werden. Schließlich geht es in Wolfsburg neben dem technischen Fortschritt auch darum, von aktuellen Problemen des Konzerns abzulenken. Gleichwohl hat Jungwirth mit seinen Äußerungen eine Diskussion eröffnet, die der Fahrschulbranche nicht gefallen kann. Die Frage, die ab sofort in der Öffentlichkeit besprochen wird, lautet nicht mehr, ob der Führerschein irgendwann abgeschafft wird, sondern wann. Es ist nicht mehr weit, bis die BILD-Zeitung feststellt: „Der Führerschein kann weg.“
 
Fester Bestandteil in jedem Cockpit: Der Autopilot
Fester Bestandteil in jedem Cockpit: Der Autopilot
 
Dass wir bald autonom fahren können, daran besteht unter Experten kein Zweifel. Dass Führerschein und Fahrschulen deshalb überflüssig werden, ist eine Geschichte, die man nur im Märchen schreiben kann. Trotzdem sollte die Branche die Alarmsignale hören – und angemessen antworten. Stimmen der Vernunft sind auch vor dem Hintergrund des aktuellen Nachwuchsmangels angebracht. Laut der DATAPART Experten-Befragung suchen im Moment 54,39% aller Fahrschulen auf dem Arbeitsmarkt nach frischen Kräften. Es darf nicht passieren, dass sich die Jungen bald fragen, ob eine Ausbildung zum Fahrlehrer überhaupt noch Zukunft hat. Noch ist Zeit, den Irrtümern entgegen zu treten. Seit 1904 können Schiffe von Autopiloten gesteuert werden. Kapitäne zur See mit entsprechenden Lizenzen gibt es immer noch. 1914 brachte Lawrence Sperry den Autopiloten ins Flugzeug. Und noch 100 Jahre später steigen die Menschen nur in den Flieger, wenn sie vom Kapitän per Durchsage persönlich begrüßt werden. Was Automobile betrifft, darf man feststellen, dass vor 50 Jahren Automatik-Getriebe Einzug gehalten haben. Fahrlehrer wissen am besten, dass Fahrschüler den Automatik- Eintrag nach Möglichkeit vermeiden wollen. Das sind nur drei von vielen simplen Analogien, die den Unterschied zwischen technischen Möglichkeiten und gesellschaftlicher Akzeptanz erklären.
 
Fahrschulen sind aufgerufen, sich intensiv mit dem autonomen Fahren auseinander zu setzen. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens birgt das autonome Fahren zahlreiche Chancen. Fahrschulen werden dadurch nicht weniger, sondern mehr Geschäft erhalten. Sie werden Vorreiter der neuen Technologie, indem sie Fahrerassistenzsysteme in verschiedenen Varianten schulen. Auf diese Weise sorgen sie dafür, dass die Bevölkerung die neue Form des Fahrens mehr und mehr akzeptiert. Doch es gibt einen weiteren wichtigen Grund, warum Fahrlehrer aufgerufen sind, sich mit dem aktuellen Stand des autonomen Fahrens bestens auszukennen. Denn nicht nur Branchenvertreter, Verbände und die Politik sind gefordert, den aktuellen Hype um die Technik richtig einzuordnen. Auch jede Fahrlehrerin und jeder Fahrlehrer kann dazu beitragen, falsche Vorstellungen im Keim zu ersticken – indem sie dem Thema nicht ausweichen, sondern es aktiv ansprechen. Öffentliche Diskussionen sind eine willkommene Plattform, um sich einzumischen. Aber auch der eigene Unterricht sollte dafür genutzt werden.
 
 
Der Beruf Fahrlehrer wird deshalb in naher Zukunft noch viel interessanter, gerade weil das autonome Fahren dazu kommt. Die Technologie ist ein wichtiges Argument für eine goldene Zukunft der Branche. Natürlich hat auch kein Fahrlehrer eine Kristallkugel zur Hand. Trotzdem lässt sich mit Sicherheit sagen: Eines nicht all zu fernen Tages werden die Kinder von Johann Jungwirth in der Fahrschule sitzen. Sie können und wollen auf den Führerschein nicht verzichten. Vielleicht auch deshalb, weil sie ein autonomes Fahrzeug bedienen wollen.
 
Weitere Infos zum Thema „Fahrschulen in Zeiten autonomen Fahrens“ auf
dem www.mobilmacher-news.de, unter anderem:
– ein Bericht über das 2. MOVING Experten-Forum zum Thema
– die Prognose zur Zukunft der Fahrlehrer von Prof. Dr. Volker Lüdemann
– die hochinteressante Sicht des Verkehrspsychologen Prof. Dr. Markus Hackenfort
 
 

Schon rein statistisch gesehen war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Wagen der Firma Tesla mit aktiviertem Fahrassistenzsystem in einen schweren Unfall verwickelt sein würde. Bösartig formuliert könnte man sagen, die Kritiker der elektronischen Assistenten hätten geradezu auf diesen Moment gewartet angesichts der Flut an Artikeln, die sich nun mit diesem Thema beschäftigen und oft von Argwohn gegenüber der neuen Technik geprägt sind. Auf den ersten Blick mag der tragische Unfall am 7. Mai mit tödlichem Ausgang in Florida eine Schlagzeile wert sein, weil die ganze Welt das Treiben von Tesla und dem Gründer Elon Musk beobachtet.

Allerdings scheint es der Umkehr von Ursache und Wirkung zu bedürfen, um aus dem bisher bekannten Unfallgeschehen eine Sensation kreieren zu können oder gar der Weiterentwicklung von Assistenzsystemen eine Absage zu erteilen. Denn alles deutet darauf hin, dass es sich in erster Linie wie so oft um menschliches Versagen gehandelt und die Technik genau genommen nur eine sekundäre Rolle gespielt hat. Wie einem ausführlichen Bericht der New York Times oder auch der Darstellung von Tesla in deren Blogeintrag zu entnehmen sind, wurde der Unfall dadurch verursacht, dass ein Lastwagenfahrer beim Linksabbiegen auf dem Highway offenbar dem Fahrer des Tesla den Vorrang genommen hat, wie ihn die Infografik der Süddeutschen Zeitung illustriert. .

Unfallverlauf des Tesla S / SZ Infografik
Unfallverlauf des Tesla S in Florida / SZ Infografik

Demnach kommt zunächst einmal als eigentlicher Unfallverursacher der Fahrer des Lastwagens in Betracht, auch wenn endgültige Analysen noch ausstehen. Hinzu kommt, dass der Fahrer des Tesla S anscheinend gar nicht reagiert hat und der Wagen ungebremst unter den Anhänger des Lastwagens gerast ist. Dies deutet daraufhin, dass der Fahrer des Tesla in hohem Maß abgelenkt war und er sich über alle Warnhinweise hinweggesetzt hat, die verlangen, dass er auch bei aktiviertem Assistenzsystem die Hände am oder beim Lenkrad lassen und stets eingriffbereit sein muss. Ob er wirklich wie vermutet auf einem Laptop einen Videofilm betrachtete, wird die weitere Unfallanalyse noch genauer untersuchen. Vieles spricht daher dafür, dass es zwei menschliche Fehler waren, die in ihrer Verkettung zur Tragödie geführt haben.

Die Technik hingegen hat es in diesem Fall schlicht (noch) nicht vermocht, das menschliche Fehlverhalten zu kompensieren. Denn für dieses Unfallszenario war die Technik auch gar nicht ausgelegt wie die Firma Mobileye mitteilte, welche das Kamerasystem für den Tesla produziert. Erst 2018 rechne man durch Verbesserungen des Systems damit, auch den hier dargestellten Unfalltypus vorab erkennen und schlussendlich verhindern zu können.

Schließlich ist auch festzuhalten, dass die Technik keinen fehlerhaften Eingriff begangen hat, den der Mensch nicht mehr auszugleichen in der Lage war. Vielmehr hat das System schlicht gar nicht reagiert, weil es darauf noch noch nicht entsprechend vorbereitet war. Allerdings haben Tesla und Elon Musk auch niemals behauptet, dass es sich um ein ausgereiftes System handele, mit dem autonomes Fahren möglich sei. Wer dies dennoch suggeriert, um Schlagzeilen zu produzieren, wird der Sache nicht gerecht. Genausogut könnte man Handyherstellern vorwerfen, ihre Geräte seien für Unfälle verantwortlich, weil die Fahrer sie während der Fahrt benutzen und sich dadurch ablenken lassen.

Das Tesla Model S in der Kritik / Quelle: Teslamotors, Alexis Georgeson
Das Tesla Model S zu Unrecht in der Kritik / Quelle: Teslamotors, Alexis Georgeson

Noch sind es die Fahrer selbst, die die Hauptverantwortung für ihr Handeln Verkehrsgeschehen innehaben. Es wäre daher unfair, in Fällen wie dem hier geschilderten die Schuld der Technik in die Schuhe schieben zu wollen und die Fahrer aus ihrer Verantwortung zu entlassen. Ohne Zweifel wird es in Zukunft Unfälle geben, bei denen tatsächlich auch technisches Versagen in Form fehlerhafter oder eigentlich zu erwartender Eingriffe von Assistenzsystemen die Hauptrolle spielen wird. Dies wird dann aber dazu führen müssen, aus den Unfällen zu lernen und die Technik weiter zu verbessern anstatt sie zu verteufeln. Denn der „Risikofaktor Mensch“ wird auf moderne Assistenzsysteme angewiesen sein, wenn er die Unfallzahlen maßgeblich senken will.

Vertreter von immerhin 35 Nationen kamen zum diesjährigen Kongress der Cieca in Madrid zusammen, einer internationalen Kommission, die sich um die Belange der Fahrprüfung, der Fahrausbildung und der Verkehrssicherheit im allgemeinen kümmert. Im Zentrum der Ansprachen und Vorträge des umfangreichen Programms standen Fragen nach der Integration der Fahrassistenzsysteme in die Führerscheinausbildung und nach der Verwirklichung der ‚Vision Zero‘. Damit ist nichts anderes gemeint als der Wunsch, eines Tages überhaupt keine Verkehrstoten auf unseren Straßen mehr beklagen zu müssen. Dies mag im ersten Moment nur eine Utopie sein, der man sich bestenfalls annähern kann. Doch allein, dass man sich weltweit bemüht, dieses Ziel gemeinsam zu verfolgen, ist beachtlich und durchaus mit Erfolgen verbunden. So konnte Szabolcs Schmidt als Vertreter der Europäischen Kommission darauf verweisen, dass die Zahl der Unfalltoten in der EU seit Beginn des Jahrtausends von rund 54000 auf nun noch 25 000 im Jahr 2015 mehr als halbiert werden konnte. Wie viele andere seiner Kollegen verwies auch er auf das große Potenzial vernetzter Fahrzeuge mit steigendem Automatisierungsgrad für die Verkehrssicherheit. Er erläuterte in diesem Zusammenhang die Pläne der EU hinsichtlich einer intensiven grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zur Einführung und Nutzung automatisierter Fahrzeuge und der damit verbundenen Herausforderungen, die in der aktuellen Erklärung von Amsterdam niedergelegt sind, die im April 2016 unterzeichnet wurde.

Die Direktorin der Spanischen Verkehrsbehörde (DGT), María Seguí, machte darauf aufmerksam, dass durch die neuen technischen Systeme in Autos gerade eine ganz neue auszubildende „Jugend“ entsteht, nämlich in Form von Menschen, die schon seit mehr als 10 Jahren im Besitz des Führerscheins sind und nun ein „update“ brauchen, um überhaupt die aktuellen Fahrzeuge bedienen zu können. Ebenfalls machte sie deutlich, dass sich die Fahrausbildung mit seinen technisch-mechanischen Ansätzen wie dem Umgang mit Schaltung und Kupplung verschieben wird hin zu einer sozial orientierten Ausbildung, in der Kommunikation und das Verständnis der menschlichen Abläufe im Verkehr eine wesentlich größere Rolle spielen werden.

Vor einer zu euphorischen Haltung bezüglich der Einführung vollends autonomer Fahrzeuge, die auf keinen menschlichen Fahrer mehr angewiesen sind, warnte allerdings der Philosoph Charles Johnson aus England. In seinem Vortrag zeigte er auf, dass es derzeit bis auf wenige Ausnahmen weder im Flug-, noch im Schiffs- oder Zugverkehr autonom agierende Einheiten gibt. Dabei sei neben mancher technischer und rechtlicher Schwierigkeiten vor allem der letzte Schritt von hochautomatisierten zu autonomen Systemen entgegen der landläufigen Meinung extrem kostenintensiv. Die gebotene technische Sicherheit und Verlässlichkeit für autonome Systeme sowie die Errichtung dafür nötiger Infrastruktur sei wesentlich teurer als gemeinhin angenommen und somit der Einsatz von menschlichen Piloten, Kapitänen und Fahrern günstiger. Bei allen Verkehrsträgern mit hohem Automatisierungsgrad habe sich zudem gezeigt, dass die Übernahme der Kontrolle durch den Menschen in Notsituationen mit dem Problem behaftet ist, dass der Mensch in solchen Fällen oft nicht mehr in der Lage ist, schnell zu reagieren und eine Situation in angemessener Zeit zu überblicken. Dies ist gerade mit Blick auf die
Komplexität des Straßenverkehrs von Bedeutung, in dem oft sehr kurze Rektionszeiten in solchen Momenten notwendig sind, wenn ein System einen Fehler aufweist oder begeht und der Mensch die Steuerung wieder selbst übernehmen muss. Trotz dieser etwas vorsichtigeren Einschätzung mit Blick auf die künftige Entwicklung unserer Autos zeigten sich die Teilnehmer des Kongresses zuversichtlich, dass es mithilfe der Fahrassistenten gelingen wird, einen wesentlichen Beitrag zur Verkehrssicherheit zu leisten, zumal 90% des Unfallgeschehens auf menschliches Versagen zurückzuführen ist.

 

im voll besetzten Saal herrschte großes Interesse an den aktuellen Entwicklungen
im voll besetzten Saal herrschte großes Interesse an den aktuellen Entwicklungen

In den Ausführungen von Peter Morsink aus den Niederlanden wurde weiterhin deutlich, dass zwar die unterschiedlichsten Assistenzsysteme längst in den Autos verbaut werden, es aber immer noch völlig unklar ist, wie die Fahrzeugführer mit diesen vertraut gemacht werden sollen, sei es in der Fahrausbildung oder bei erfahrenen Fahrern. Er selbst berichtete über seine Studie mit einer überschaubaren Anzahl an Teilnehmern über die Verwendung des Toten Winkel Assistenten sowie dem Abstandsregeltempomat, bei der sich verkürzt gesagt gezeigt hat, dass ersterer als sinnvolle Einrichtung zu mehr Sicherheit angesehen wird, während zweiterer eher als entbehrbares Luxuselement angesehen wird. Offensichtlich haben Wissenschaft und Fahrlehrerschaft hier noch einen weiten Weg vor sich, wenn es darum geht, die Einführung der Fahrassistenzsysteme zu begleiten.

Ohne an dieser Stelle auf alle Vorträge eingehen zu können, ist jedoch abschließend sehr positiv festzuhalten, dass es über den ganzen Planeten verteilt zum Teil massive Anstrengungen gibt, grenzüberschreitend auf die Vision Zero hinzuarbeiten. Dabei ist dies nicht allein Aufgabe von Behörden und Gesetzgebern, sondern insbesondere auch von gut ausgebildeten Fahrlehrern, die es in der Hand haben, ganz direkt und in der Praxis sich dieser Vision mit ihren Schülern zu nähern. Die Organisation Cieca sorgt dabei sinnvollerweise für einen Austausch der Nationen untereinander, um voneinander lernen zu können.