Jetzt rächt es sich, dass wir in Deutschland seit Jahren die Digitalisierung verschlafen haben. Inmitten des Coronashutdowns versuchen Betriebe und Selbständige panikartig, auf Homeoffice, Videomeeting oder onlineshop umzuschalten, um ihr Geschäft einigermaßen in Zeiten des Stillstands am laufen zu halten. Zu lange ignorierten viele die Chancen und Möglichkeiten des ‚Neulands‘ namens Internet.

Die Fahrschulbranche ist da keine Ausnahme. Der Einzug der Digitalisierung wird auch hier oft unnötig verschleppt. Man schreibt gerne noch handschriftlich Tagesnachweise, trägt Termine im gebundenen Kalenderbuch ein, beargwöhnt den Einsatz von Fahrsimulatoren und belächelt oder verunglimpft die aufkommende E-Mobilität und erst Recht den Gedanken an teilautonome Fahrzeuge, deren Herzstück aus dem Zeitalter der Digitalisierung und nicht mehr dem der Dampflock kommt.

Und so wundert es nicht, dass große Teile der Fahrlehrerschaft, Verbände, aber auch Verlage den Gedanken an die Einführung von Elementen des E-Learnings und von Online-Unterricht in Fahrschulen in der Vergangenheit entweder verdrängt oder konsequent bekämpft haben – man denke nur an die Auseinandersetzungen um Odokar in Berlin. Zu groß war die Angst, dass man etwas verlieren könnte oder man seine behagliche Komfortzone verlassen müsste. Statt den Transformationsprozess aktiv zu gestalten, setzten die Stakeholder lieber auf ‚Aussitzen‘. Auch ohne Corona war das ein Fehler, da die Digitalisierung der Welt nicht auf Fahrschulen Rücksicht nimmt und wartet – selbst wenn die Politik in Deutschland in Sachen Stillstand noch ein verlässlicher Verbündeter ist und tiefgreifende Reformen im Ausbildungsbereich womöglich erst kurz nach dem Sankt-Nimmerleins-Tag zu erwarten sind.

In der augenblicklichen Coronakrise aber platzt jetzt die Seifenblase der heilen Welt von einem Theorieunterricht, der für immer und ewig in ortsfesten Räumen als Echo des analogen Zeitalters abgehalten wird. Denn plötzlich bewegen sich – was wir alle in einer solch existenzbedrohenden Krise auch erwarten – Politik und Verwaltung und schicken sich an, an vielen Stellen in Windeseile bislang unmöglich geglaubtes möglich zu machen. Und so gerät mit einem Satz des für uns zuständigen Abteilungsleiters im Bundesverkehrsministerium (BMVI) alles ins Wanken: „Vorhandene digitale Verfahren (auch e-Learning) können nach hiesiger Einschätzung weitgehend vorübergehend eingesetzt werden [..]“ Ohne Zweifel ist das eine gut gemeinte Empfehlung an die Länder, dass man durchaus flexibel in Zeiten der Betriebsschließungen agieren darf. Der interpretationswürdige Terminus „Vorhandene digitale Verfahren“ rief aber erwartungsgemäß eine Kakophonie bei Ländern und untergeordneten Behörden hervor.

Ob in der Coronakrise oder danach – künftig wird e-Learning auch ein Bestandteil des Fahrschulunterrichts werden. Bild: shutterstock.com/zoFot

Während Niedersachsen vorpreschte und Online-Unterricht unter Einhaltung einiger durchaus wesentlicher Auflagen zuließ, verweigerten andere die Zulassung mit dem Argument, dass es ja aufgrund des bisherigen Verbots gar keine vorhandenen digitale Verfahren geben könne und an vielen anderen Orten herrscht nach wie vor Stille, weil in der Exekutive niemand so recht weiß, wie man jetzt damit umgehen soll. Angesichts der aktuell chaotischen Verhältnisse soll dafür niemand ein Vorwurf gemacht werden, doch die Situation ist gleichwohl hausgemacht, weil man in normalen Zeiten schlicht geschlafen hat.

Durch die Fahrlehrerschaft zieht sich in der Frage nun ein tiefer Riss. Da sind auf der einen Seite diejenigen, die im online-Unterricht eine Bedrohung ihrer Existenz sehen, solche die gar nicht wissen, wie sie das jetzt umsetzen sollten oder die den digitalen Verfahren an sich skeptisch gegenüber stehen bzw. wahlweise eine Kombination daraus. Auf der anderen Seite stehen die, die entweder schon lange den Wunsch nach Online-Unterricht hegen und voller innovativer Gedanken sind oder die in einem solchen neuen Angebot zumindest einen Strohhalm erblicken, an den sie sich klammern, um wenigstens Neukunden zu gewinnen oder ein klein wenig Umsatz zu generieren, während die Räder stillstehen. Und angesichts der dramatischen Lage kann man für beide Seiten durchaus Verständnis aufbringen, da die Angst vor der wirtschaftlichen Zukunft für viele dabei im Zentrum steht, aber zu unterschiedlichen Schlüssen führt.

Einerseits mag eine kurzfristig gewährte Erlaubnis für Online-Unterricht etwas Druck aus dem Kessel nehmen, ohne dass dadurch gleich die Verkehrssicherheit nachhaltig leidet und die Zahl der tödlichen Unfälle sich an die Steigerungsraten der Coronainfizierten angleicht. Andererseits birgt sie das Risiko für Wettbewerbsverzerrung, führt zu einem wenn auch zeitlich befristeten Qualitätsverlust beim Unterricht und sorgt für ein völlig ungeordnetes Verfahren, bei dem die fahrlehrerrechtlichen Vorgaben und Ziele über Bord geworfen werden.

Fakt aber ist, dass für die allermeisten Fahrschulen, unabhängig davon ob sie Online-Unterricht anbieten wollen oder nicht, es nahezu ein Ding der Unmöglichkeit ist, in einem Schnellschussverfahren einen solchen Unterricht in einigermaßen professioneller Weise anzubieten. Allein das grundlegende Equipment ist entweder aufgrund des Ansturms der letzten Tage ausverkauft -schon eine einfache webcam zu erwerben ist kaum mehr möglich- und auch die Einrichtung an sich ist weitgehend unbekannt, da sich bislang nur wenige näher mit Fragen der Audio-, Ton- oder Beleuchtungsqualität in einem „Fahrschulstudio“ befasst haben dürften. Auch welche der vielen Plattformen (z.B. zoom, edupip, gotowebinar, clickmeeting etc.) vom handling der Bedienenden her, aus Kundenperspektive (Stichwort Einfachheit des Zugangs), aus Sicht der Stabilität oder mit Blick auf Fragen der Kosten oder des Datenschutzes geeignet sind, bedarf einer genauen Analyse, die kaum in ein paar Tagen zu erledigen ist. Weiterhin wäre zu klären, wie genau die Identitätsfeststellung zu erfolgen hat, wie genau die Kunden im Sinne eines schülerzentrierten Unterrichts eingebunden werden können, wie die Überwachung sichergestellt ist usw. usw.

Auch Fahrschulen nutzen die neuen Möglichkeiten – hier eine Videokonferenz unter Kolleg_innen zur Nutzung von Online-Unterricht. Bild:Sascha Fiek

Man mag jetzt vielleicht einwenden, dass man das in einer Krisensituation nicht alles so genau und so deutsch nehmen sollte und wir Dinge auch einfach mal laufen lassen sollten. Aber alles, was wir jetzt tun, wird auch einen Einfluss auf die Zeit nach dem Virus haben. Wenn wir es jetzt nicht schaffen, mit einigen Qualitätsstandards beim Online-Unterricht aufzuwarten, dann werden wir es künftig schwerer haben, diese Standards in die Normalität zu retten und noch richtigen, pädagogisch wertvollen, aber digital durchgeführten Unterricht anzubieten. Denn wenn wir uns jetzt einfach nur vor ein Smartphone setzen und eine Art online-meeting mit unseren Schüler_innen abhalten oder wenn wir gar nur einige statische Videos von allen Lektionen für YouTube & Co. produzieren, mag man in den Ministerien verständlicherweise auf die Idee kommen, dass es auch ganz gut ohne die bisherige Art des Unterrichts gehen könnte und dann hätten wir tatsächlich alle miteinander das Thema Theorieunterricht selbst zu Grabe getragen und fortan bliebe den Fahrschulen dann nur der Praxisunterricht, zumal andere Anbieter dann besser, schneller und günstiger darin sein werden, unsere Kunden einfach nur theorieprüfungsreif zur machen.

Insofern wären alle Verantwortlichen gut beraten, trotz des Verständnisses für die herrschende Not, zumindest bei den anstehenden Ausnahmen auf ein Mindestmaß an Qualität zu pochen, damit wir uns nicht selbst ein Bein stellen. Um erst gar nicht in ein Dilemma zu kommen, wäre es vermutlich besser, wir würden auf Ausnahmen verzichten und nicht voreilig einen Online-Unterricht einführen, an dessen Ende wir uns selbst aufs Abstellgleis begeben.

Klar ist aber auch eines – unabhängig davon, ob es nun zu krisenbedingtem Online-Unterricht kommt oder nicht, müssen wir uns jetzt endlich der Existenz von diesem Unterrichtstyp stellen und die Art und Weise, wie wir diesen künftig umsetzen wollen, aktiv angehen. Die Zeit kann nicht mehr zurückgedreht werden. Deutschland lernt gerade, dass digital viel mehr möglich ist als bislang gedacht. Auch wir sind hier in der Pflicht, Systeme zu entwickeln und der Politik Vorschläge zu unterbreiten, die einerseits die Möglichkeiten des world wide web ausschöpfen, aber auch andererseits die Notwendigkeit mancher persönlicher Präsenz und gemeinschaftlicher Erörterung und Diskussion unterstreichen, wenngleich auch in verringertem Umfang.

Für heute hoffe ich, dass wir uns dieser Frage, wie wir einen vernünftigen Online-Unterricht ausgestalten, künftig intensiv widmen und nicht schon morgen in der Krise aufgrund behördlicher Vorgaben darauf angewiesen sind, in einem Schnellschuss einen solchen Unterricht aus dem Boden zu stampfen. Es mag dabei durchaus positive Beispiele geben (s. Bericht über Fahrschule Lindemann aus Leer), aber die Vielzahl dürfte auf die Schnelle nichts nachahmenswertes produzieren können.

Soll es unter dem Eindruck der Coronakrise künftig online-Unterricht in Fahrschulen geben?

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Beitragsbild: Shutterstock.com/gnepphoto – ID 633480782

Sascha Fiek
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Gründer des Blogs Fahrlehrerwelt, Fahrlehrer aller Klassen und Geschäftsführer der ACADEMY Fahrschule Fiek GmbH in Freiburg. Er betreibt auch einen persönlichen Blog unter www.saschafiek.de.

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